14 März, 2008
von Sabine

9 1/2 Monate Dem. Rep. Kongo, 12.Oktober-02.November 2005

Mittwoch 12. Oktober 2005, 15.15 Uhr


Gestern war ein aufregender Tag, weil Jean Adalbert Nyeme Tese nach Yanga flog. Alle die es wussten, vor allem Papa Jean und Mama Helene, waren sehr nervös. Helene richtete mir morgens aus, dass er nur eine Stunde in Yanga bleiben würde, weil er weiter nach Tshumbe und am selben Tag zurück nach Kananga reisen wolle. Ich schrieb die Liste mit den Problemen, Bestellungen und Vorschlägen fertig.

Gegen Mittag fragte mich Helene ob ich mit zur Landepiste fahren wolle um „Monsieur l`abbé Nyeme“ wie ihn alle nennen, abzuholen. Nach meiner Antwort „Oui je viens“ fuhr Michel mit dem Jeep vor den Eingang und mit Jean Takoy, Papa Dominique und einem Boy- Chauffeur fuhren wir zur Landepiste. Um die Zeit zu überbrücken schauten wir uns das Maniokfeld nicht weit entfernt von der Piste an. Danach suchten wir Schatten unter einem Baum und unterhielten uns über Tiere, Pflanzen, Geografie usw. Zirka eine halbe Stunde später hörte der Boy- Chauffeur als erster den Motor des „petit porteur“ kleinen Flugzeuges und bald tauchte es am Horizont auf. Die Landung war problemlos und sobald das „Flugi“ still stand, stiegen zwei mir unbekannte Schwestern, die mir bekannten Herren Jean Nyeme und der Agronom Michel sowie der Pilot aus. Jean begrüsste mich wie in der Schweiz unter Freunden mit drei Küsschen und er freute sich, dass ich mich freue und lache. Jean ist mir bereits sehr vertraut, nur für die anderen muss es komisch wirken, wenn ich ihn begrüsse, wie sich ansonsten hier nur Schwestern begrüssen.

„Beaucoup des salutations de ta maman!“ war das erste was Jean sagte. Ich war gerührt und konnte knapp eine Träne verbergen. Selber erstaunt, wie sehr mich diese Worte berührten, wechselten wir das Thema und ich fragte unter anderem wie es Manu + Sedi ginge.

Ich überliess „meinen Platz“ vorne im Jeep Jean Nyeme und setzte mich hinten neben Michel den Agronomen. Mit ihm unterhielt ich mich bereits öfters in Kananga, die paar Tage als ich in Jeans Haus wohnte. Er freute sich ebenfalls mich wieder zu sehen und wir tauschten uns etwas aus. Schon waren wir „Zuhause“. Viele Leute versammelten sich wie erwartet um Jean zu begrüssen. Danach kam ich kaum dazu etwas zu trinken und zum Essen überhaupt nicht. Jean überbrachte mir nebst vielen Broten (Er wusste nicht, dass wir bereits selber Brot buken) einen riesengrossen Plastiksack und sagte, ich solle sofort alles auspacken und begutachten. Als kleines Mädchen war es das grösste an Weihnachten die Geschenke auszupacken. Mit der gleichen Spannung und Freude packte ich aus… Von Walti erhielt ich das gewünschte Geld und von Mami die bestellten Dinge + 1kg Schoggi *grins*. Die grösste Überraschung war, dass mir Jean das „Päckli“ von Nadia mitbrachte. Danke!

Ausserdem dachte er an den Motor für die Schleifmaschine der Blockbandsäge- Blätter, super. Wie befürchtet ist das nächste Problem, der Treibstoff, welcher uns in Yanga nächstens ausgehen wird. Jean will uns einige Fässer organisieren.

Ich packte den Plastiksack aus während Jean mit der Besucher- Truppe zu Mittag assen. Danach hatten wir einige Minuten, besser gesagt Sekunden Zeit annähernd die Lage zu besprechen und er zeigt mir noch schnell, dass sein Laptop nicht kaputt sei. Man muss den Bildschirm zurechtbiegen damit das Bild erscheint, gewusst wie!!

Leider blieb für vieles keine Zeit: Schreinerei aus der Nähe besichtigen, meine Pflänzchen begutachten und die E- Mailfunktion übers Satellitentelefon auszuprobieren.

Jean Nyeme blieb wirklich nicht viel länger als eine Stunde. Ich gab ihm meine Berichte und E- Mails auf Diskette für Manu + Sedi mit sowie das kaputte Netzgerät des Satellitentelefons und kaputte Glühbirnen um Ersatz zu besorgen. Danach brausten sie mit dem wirklich kleinen Flugzeug in Richtung Tshumbe davon. Es erstaunt mich, dass darin fünf Personen Platz finden.

Heute sagten mir Papa Kasende und Papa Dominique unabhängig voneinander, dass Jean Nyeme sehr zufrieden mit mir und meiner Anwesenheit in Yanga sei. Der Zaun ums Haus gefällt ihm ganz besonders. Das freut mich natürlich sehr und ermutigt mich weiter zu arbeiten. Morgens setzte ich die bereits ca. 20cm grossen Bohnen in den Garten als Papa Boniface mit dem Beet fertig war. Er bat mich mit dem Setzen zu warten bis er mit dem „fumier“ Mist zurückkomme. Es bedeutete ihm unheimlich viel zu schauen wie ich die Bohnen setzte. Nachdem ich fünf Pflanzen gesetzt hatte, nahm ich sie nur noch aus den Kistchen und er durfte sie setzten. Es war köstlich wie er sich bemühte!

Ab 13.00 Uhr ist die Arbeitsmoral bei allen Arbeitern- und Arbeiterinnen am Boden. Alle sitzen nur noch herum und erschrecken, wenn ich um die Ecke komme, wie ein Junge, den man bei einem „Lausbubenstreich“ erwischt. Als ich Papa Boniface zwei Blätter in einem Mäppchen und ein Bleistift schenkte, strahlte er wie ein „Meienkäfer“. Nachdem ich ihm half Pflanzennamen und Aussaht- Datum aufzuschreiben, war von Müdigkeit keine Spur mehr. Es war dann auch kein Problem ihm zu sagen noch heute das grosse Beet um den Baum herzurichten damit ich heute Abend Zucchetti setzen und Gurken säen könne. Nach meinem Geschenk, brauchte er keine Stunde und das Beetli war schön hergerichtet. Um 14.00 Uhr wollte er „Fürabe“ machen. „Non“ sagte ich: „Tout le monde travaille jusque 15.00 heure“. Es ist wirklich schwierig die Leute zum arbeiten zu motivieren. Klar ist ihr Lohn lausig; 100 Nasen verdienen Netto 222`144fc, das ergibt im Schnitt 2221fc = 4.45$ Ausser Mama Helene und Papa Jean, welche 20$ und Papa Philippe, welcher 15$, verdienen alle zwischen 3$ und 10$ im Monat. Acht Leute bekommen Sozialhilfe ausbezahlt zwischen 1$ und 10$.

Mittwoch 12. Oktober 2005; 21.30 Uhr

Ich habe Manu und Sedi übers Satellitentelefon angerufen und ihnen zum Geburtstag gratuliert.

Um 16.00 Uhr ging ich zum entstehenden Fussballfeld um zu schauen ob der Krankenpfleger Antoine wie versprochen Buben und Mädchen zusammengesucht hat um etwas Fronarbeit für das Fussballfeld zu leisten. Ausser 3 Jungen war niemand dort und mir blieb wieder einmal nichts anderes übrig als die Sache wortwörtlich selber in die Hand zu nehmen. Ich befahl mehrere Kinder suchen zu gehen auch Jugendliche und Erwachsene, welche später Fussball spielen wollen. Als gutes Beispiel sammelte ich als einzige zwei Stunden lang Grasbüschel und trug sie an die Haufen um sie zu verbrennen. Am Anfang half noch Papa Philippe und Papa Antoine tauchte auch auf. Die Leute im Kongo sind nicht zum arbeiten geboren. Die ältesten gaben nach einigen Minuten auf und machten sich aus dem Staub. Jene in meinem Alter folgten ihnen wenig später… Mehr oder weniger effizient halfen bis am Schluss ca. 20 Jungen und 10 Mädchen. Die Mädchen waren viel fleissiger, die meisten Jungs hatten nur Unsinn im Kopf. Doudou enttäuschte mich, von ihr hätte ich mehr erwartet, sie stand die ganze Zeit nur herum, plapperte und hängte den Chef heraus. Ebenfalls einer der Söhne vom Dorfchef Jacques hatte das Gefühl er wäre etwas Besonderes… Es war anstrengend und brauchte Nerven. Am Schluss gelang es mir die Jungs nochmals ein bisschen zum arbeiten zu motivieren indem ich ihnen sagte, dass die Mädchen viel mehr arbeiteten als sie. „Qui sont plus fort? – les filles les filles“ schrie ich. Dies liessen die Jungs nicht auf sich beruhen und alle packten noch einmal kräftig mit an. Danach war ich auch froh, Feierabend zu haben und hatte mehr Kohldampf als normal. Ich ass die doppelte Portion Fruchtsalat!

Donnerstag 13. Oktober 2005; 13.20 Uhr

Weil das Mittagessen nicht viel Auswahl übrig lässt, werde ich langsam erfinderisch. Heute gab es Bananen- Curry- Risotto. Es schmeckte gut, leider hat Mama Helen wieder einmal zuviel zubereitet. Weil man es nicht aufbewahren kann und ich es schade fand weg zu werfen überass ich mich *grins*. Heute lasse ich das Abendessen ausfallen.

Weil ich gestern bis zum eindunkeln mit den Kids am Fussballfeld arbeitete, hatte ich keine Zeit die Zucchettis zu setzen und die Gurken zu säen.

Donnerstag 13. Oktober 2005; 17.00 Uhr

Heute Nachmittag wurde ich mit vielen grossen Problemen auseinandergesetzt und musste die rosarote Brille ablegen. Seit vorgestern mache ich um 14.00 Uhr jeweils die Runde, beobachte den Arbeitsfortschritt, stelle wo nötig Fragen oder gebe Anweisungen und Ratschläge. Als ich von den Frauen, welche das Fussballfeld präparieren zurückkam, sass tatsächlich Papa Chamboyi mit Papa Michel im Garten und ass. Dies machten sie eine halbe Stunde vor Arbeitsschluss. Ich sagte, dass dies nicht ginge. Papa Chamboyi schrie mich mit vollem Mund an, er habe nicht wie die Europäer die Gewohnheit mittags zu essen usw. Er begriff nicht um was es ging, besser gesagt er wollte es nicht begreifen und was mich nebst dem unhöflichen Geschrei am meisten stört ist, dass er oft Drogen konsumiert während der Arbeitszeit. Er hat oft rote Augen und wird schnell aggressiv, diese Zeichen genügen mir um sicher zu sein, dass er nicht nüchtern ist; Alkohol oder Hanf!

Ich verschob die Diskussion auf 15.00 Uhr, wo sie zusammen mit Papa Jean nochmals recht heftig ausfiel. Papa Chamboyi drehte mir die Wörter im Mund um und ich nahm das ganze recht persönlich. Nach der Versammlung verzog ich mich in den Garten und säte Gurken. Mama Helene kam zuschauen. Es war das erste Mal, dass ich mit Tränen in den Augen sagte, so könne ich nicht hier bleiben, nicht mit diesem Umgangston von Papa Chamboyi. Ich sprach Mama Helene auf sein Drogenproblem an und dass ich mit ihr und Papa Jean über die Alkoholproduktion sprechen möchte. Wir drei setzten uns wenig später auf die Terrasse und ich wollte von beiden hören, dass sie keinen Alkohol im Dorf verkaufen oder verteilen. Sie versprachen es mir hoch und heilig. Wir sprachen noch eine ganze Weile über Drogen und Papa Jean erzählte mir nach langem Zögern, dass jeder im Dorf von Papa Chamboyis Hanfkonsum wisse. Ich werde die Leute mit ihren verschiedenen Charakteren bald gut genug kennen. Ich bestätigte, bereits gemerkt zu haben, dass er so wie Papa Shungu Drogen nehme. „Ha, ich bin doch nicht blöd“ dachte ich. Meine Befürchtungen, dass die Männer ihren Lohn für Drogen, meist Alkohol ausgeben und die Frau muss selber schauen wie sie sich und die vielen Kinder über die Runde bringt, warf ich als nächstes in die Runde. „C`est ça“ war die Reaktion…

Esonga, ein 12jähriges Mädchen, welches ich vor einigen Tagen kennen lernte, hat starke Bauchschmerzen, vermutlich hat sie Würmer erwischt, weil fast alle ausser mir das Wasser ungekocht trinken. Sie klagte ihr Leid Papa Jean, dieser schickte sie zum Krankenpfleger Papa Antoine. „Sie müsse Geld bringen, bevor er sie behandeln könne“ war die Reaktion von Antoine. Wo soll Esonga Geld hernehmen, der Vater ist schon lange tot und die Mutter seit langer Zeit krank in einem anderen Dorf. Esonga lebt in der Hütte mit ihrer Tante, ihrer grossen Schwester und dem Mädchen der Tante. Der Onkel von Doudou, welcher bereits eine Familie mit vielen Kindern hat und bestimmt über 40jährig ist hatte vor kurzem um die Hand der 13jährigen Schwester von Esonga angehalten! Diese Tatsachen sind grausam. Bei uns sind solche Männer pädophile Schweine, hier ist das normal und jeder weiss, dass diese Mädchen alle vergewaltigt werden. Spätestens wenn sie schwanger sind, müssen sie nämlich heiraten. Ich fragte Helene weshalb die Väter und vor allem die Mütter ihre Töchter so früh zur Hochzeit frei gäben. Die armen Familien geben das Einverständnis zur Hochzeit, damit sie ein Kind weniger durchfüttern müssen. Helene meinten sie hätten keine Wahl. Es ist so traurig!

Freitag 14. Oktober 2005; 18.40 Uhr

Heute war ein anstrengender Tag, ich setzte am Morgen als es noch nicht so heiss war die Zucchettis in den Garten. Weil Papa Boniface bereits den zweiten Tag abwesend war, sagte ich Jean, jemanden einzuteilen an der Umgebung des Hauses weiterzuarbeiten. Als ich sah, dass der alte Papa Gabriel die schwere Arbeit machen solle, nahm ich die Schaufel selbst in die Hand und füllte „brouette“ Schubkarre um Schubkarre und leerte sie einige Meter weiter vorne wieder aus. Das Ziel ist es das Terrain parallel zur kleinen Terrasse auszurichten, gleichmässig mit Mist und guter Erde aufzufüllen um danach Sträucher und Sonnenblumen zu setzen.

Die Tatsache, dass ich mich momentan im Kongo befinde ändert nichts an meinem Perfektionismus. Es wäre viel einfach, das Terrain so zu belassen, Mist zu suchen und mit dem Anpflanzen zu beginnen. Ich würde mich danach die ganze Zeit ärgern, die Pflanzen so schräg gesetzt zu haben. Wenn ich schon etwas mache, dann richtig, deshalb bin ich bereit selbst Hand an zu legen. Meiner Kraft und Ausdauer schadet ein bisschen körperliche Arbeit auch nicht.

Papa Chamboyi hatte heute glücklicherweise einen guten Tag. Er kam meine Lampen nach der offiziellen Arbeitszeit um platzieren und war wieder freundlich.

Heute Mittag gab es zuerst feine Tomatensuppe, danach Fisch und Teigwaren. Dass mich nach dem öffnen der Pfanne die Fische noch anschauen, weil die Köpfe noch dran sind und ich viel Zeit brauche um die Geräte heraus zu suchen, daran habe ich mich einigermassen gewöhnt. Heute musst ich aber fast kotzen „sorry“, als ich auf der Suche nach Geräten war und ein Stück mit der Gabel auseinander nahm, sah ich einen Haufen teilweise noch lebendiger Würmchen… wähh wähh wähh!!

Wo ich beim Thema Tierchen bin, kann ich schreiben, mich an die Echsen mehr und an die Spinnen in den Zimmern weniger gewöhnt zu haben. Ich lasse sie aber lebend im Zimmer; töten oder transportieren kann ich sie nicht und jedes Mal Mama Helene rufen, welche dann Mama Regine ruft, welche dann einen Mann suchen geht um die Spinne aus dem Zimmer zu nehmen, ist mir zu kompliziert und zu peinlich. Kakerlaken hat es keine, weil alles aufgeräumt und das Badezimmer sauber ist. In der Nacht werden sie sich aber bestimmt in der unordentlichen Küche die Bäuche voll schlagen.

Sonntag 16. Oktober 2005; 14.30 Uhr

Heute hat Mami Geburtstag, Happy Birthday!

Ich habe gerade versucht anzurufen um zu gratulieren, es hätte mich erstaunt, wen um diese Uhrzeit jemand zuhause gewesen wäre. Meine Familie ist bestimmt zusammen auswärts essen gegangen und danach Billard spielen oder im Höck einen Coupe essen. Ich werde später nochmals probieren.

Da der Pfarrer letzte Woche nach Yanga zurückkehrte, war heute die für mich dritte Messe in Yanga angesagt. Um 7.30 Uhr aufstehen, 8.00 Uhr frühstücken, und um 8.30 Uhr Abmarsch in die Kirche auf der anderen Seite des Baches. Der Weg war sehr anstrengend. Ich war bei der Kirche angekommen schweissgebadet obwohl es noch morgendlich frisch war!

Es kamen viele Leute in die Kirche, sie war fast voll. Die Messe war kurzweiliger als vor zwei Wochen, weil ich mich auf die Frauen mit Kindern- Seite setzte. Da war immer etwas los…

Veronique, welche nicht wie von mir angenommen Marie heisst, kam mit ihren vier Kindern zur Messe, wovon ich der kleinste Fabien und die zweite July ja bereits kenne. Diese kam ohne Scheu zu mir und sass mir die ganze Zeit auf dem Schoss. Ausser wenn wir bei Liedern oder Gebeten aufstanden. Sie ist so süss. July ist sechs jährig und geht in die erste Klasse. Sie und ihr älterer Bruder sind nicht von Albert, dem momentanen Mann von Veronique. Der Vater von den ersten beiden ist gestorben, danach heiratete sie Albert. Er arbeitet nicht für die COYA sondern ist Diamantensucher. July habe keine Schuluniform erzählte mir Veronique. Ich möchte ihr gerne eine kaufen. Als sie mich dann aber im Namen von Albert, welcher kein Französisch spricht fragt ob ich ihm Werkzeug kaufen könne um Diamanten zu suchen, habe ich es mir schnell anders überlegt!

Ich wechselte das Thema, kann und will kein Geld geben. July und Esonga möchte ich die Uniform schenken, ich werde also herausfinden wer dafür zuständig ist und ihm das Geld geben. Von Esonga, welche keinen Vater und eine schwer kranke Mutter hat möchte ich gerne Patentante „Gotti“ werden, ihr Schulgeld, Uniform und etwas Salz und Öl bezahlen, sprich das wichtigste was sie zum Leben braucht.

Ich werde meine Idee mit Jean Abbé Nyeme besprechen, wenn er das nächste Mal nach Yanga kommen wird. Die Schuluniform kostet 1000fc, ein Jahr Primarschule 600fc und etwas Öl und Salz weiss ich noch nicht. Schätzungsweise gäbe es einen Betrag von 15$ jährlich, wenn ich noch etwas Geld für Medikamente rechne. Mit rund SFR 20.- im Jahr kann ich hier einem Kind ein ehrenwertes Leben ermöglichen, wahnsinnig!

Gestern Abend war ich „im Ausgang“ einige Meter weiter vorne im Dorf. Die Kinder haben für mich gesungen, stundenlang! Die Atmosphäre war unbeschreiblich… schön. Ich sass mit Jean am Strassenrand gegenüber seinem Haus in einem einheimisch geflechtetem Stuhl und hörte dem mehr oder wenig falschen Gesang zu. Dazu tanzten die Mädchen und Jungen in verschiedenen Aufstellungen. Mal sollte es einen Kreis darstellen, ein anderes Mal Reihen oder einfach Kreuz und Quer, möglichst nahe bei mir. Die wolkenlose Nacht war vom nicht ganz vollen Mond hell erleuchtet, dies kommt hier voll und ganz zur Geltung, weil es keine anderen Beleuchtungen gibt. Ab und zu unterhielt ich mich mit Papa Jean und probierte eine von den hier einzig erhältlichen Zigaretten aus.

Sonntag 16. Oktober 2005; 17.30 Uhr

Später erreichte ich Mami übers Satellitentelefon. Wir konnten nur einige Sekunden sprechen, weil sie in Kallnach vergassen ihr kabelloses Telefon zu laden. Egal, ich wollte eh nur schnell gratulieren. So jetzt muss ich noch die Malariatablette schlucken, hätte ich fast vergessen.

Montag 17. Oktober 2005; 20.15 Uhr

Heute früh morgens sollten eigentlich alle mit und ab 18jährig auf die Dorfseite sich eintragen gehen. Momentan findet vom Staat aus eine Art Volkszählung statt. Jean machte mit mir ab, dass ausnahmsweise keine Versammlung stattfinden würde. Weil die Verantwortlichen für diese Eintragung noch nicht eingetroffen waren, kam wieder einmal alles anders. Eine Stunde Arbeitszeit ging verloren und von der COYA wurde noch niemand erfasst. Nun soll das ganze morgen stattfinden. Ich werde mich auch auf die andere Dorfseite begeben, es nimmt mich wunder.

Einige Male schon musste der Dorfchef Jacques nach Tshumbe oder in andere Dörfer reisen, wegen dieser Staatsangelegenheit. Er legt fast jeden Tag x- Kilometer mit seinem Motorrad zurück und bekommt den Treibstoff immer von der Kooperative bezahlt. Ich bin damit nicht einverstanden und habe ihm bereits erklärt, dass das so nicht weitergeht. Schliesslich macht er oft Touren für private Zwecke, ich bin nicht bereit aus der Kasse den ganzen Treibstoff zu bezahlen. Es ist mir egal ob er der Dorfchef ist oder nicht, dies macht den Treibstoff nämlich nicht günstiger. Die Reise nach Tshumbe ist mit dem Velo gut machbar, viele gehen zu Fuss und brauchen ca. 12 Stunden. Vielen bleibt nichts anderes übrig und sie reisen mit dem Velo bis nach Lodja, diese müssen einmal unterwegs übernachten.

Heute wurde in erster Priorität die Piste mit dem Holz- beladenen Camion neu flach gewalzt, damit das Flugzeug, welches damals mit Maman Filomena nach Yanga flog, gut landen kann. Jean will uns auf diesem Weg einige Fässer von dem lang ersehnten „mazout“ zukommen lassen. Momentan haben wir kein ganzes Fass mehr voll und mir wird ein Stein vom Herzen fallen, wenn wir im Besitz sein werden von diesen Fässern. Danach werde ich zwar kämpfen müssen den Yanganern klar zu machen, dass wir genau so sparsam wie momentan mit dem Benzin umgehen werden. Ich werde mit gutem Beispiel vorangehen und immer zur Messe „a pied“ gehen.

Papa Kasende und Papa Gabriel sind Weltmeister im „Langsamzaunbauen“ Sie sind schon lange daran, dass Nachbar- Natursteinhaus ein zu zäunen und auch heute nicht fertig geworden. Papa Boniface ist fast mit dem präparieren meiner Gartenbeetli fertig. Morgen will ich versuchen die Rüebli in den Garten zu setzen und ebenfalls Neue säen. Bei den Tomaten bin ich mir nicht sicher ob ich sie in den Kistchen erdünnern will und später in den Garten pflanzen oder ob ich sie jetzt bereits der Wildnis aussetzen soll? Ich würde es bereuen, wenn sie kaputt gingen, ich liebe Tomaten!

Heute habe ich im Gespräch mit Papa Jean herausgefunden, dass ich die vorhandenen Schweineställe, sowie die Reisfelder noch gar nie gesehen habe. Ich will sowieso die Frauen einmal auf ihre Feldarbeit begleiten.

Nach dem Gespräch ca. um 17.00 Uhr stellte Mama Helene das kleine Tischchen in die Mitte der Terrasse zwischen unsere Stühle und sagte zu mir wie schon öfters „Aidez nous avec les cartes, nous voulons jouer“. Ich finde das immer so „härzig“. Wir spielten zu dritt bis es dunkel wurde und wir blau und grün nicht mehr unterscheiden konnten. Esonga kam in diesem Moment vorbei, ich nützte die Chance Papa Jean als Übersetzer zur Seite zu haben und Mama Helene musste sich um die Eimer kümmern, weil es wieder einmal regnete (Regenwasser gewinnen, welches von den Wellblechen zu Boden tropft.) „Papa Jean, fragen sie Esonga nochmals ob sie momentan die Möglichkeit hat zur Schule zu gehen“ sagte ich und er übersetzte es. Zuerst gab sie keine richtige Antwort und sagte nur, sie ginge gerne zur Schule. Nach mehrmaligem Nachfragen wusste ich schliesslich wie befürchtet, dass sie nicht zur Schule gehen kann, weil niemand das Schulgeld bezahle. Ich gab ihr vor den Augen von Jean 600fc fürs nächste Trimester und 100fc um Salz zu kaufen. Jean sagte ihr dann noch, sie solle vom Direktor eine Quittung für mich mitbringen. Danach sagte ich Jean zum übersetzen für Esonga, dass ich morgen mit ihr eine Schuluniform (weisses Hemd, blaues Jupe) für 1000fc (2$) kaufen gehen will. Ich beschloss nicht länger zu warten, von heute an bin ich „marraine“ Patin von Esonga und will ihr Schule und Studium ermöglichen. Dieses Mädchen habe ich echt ins Herz geschlossen und am meisten schätze, dass sie nie wie so viele anderen zu mir kam und bettelte: „Donnez moi“. Ich hasse diese zwei Wörter mittlerweilen!

Weil es also finster wurde schlug ich vor drinnen mit Esonga, Papa Jean und Mama Helene weiter zu spielen. Nach einem Spiel verabschiedeten sich Mama Helene und Papa Jean. Ich ging nach draussen und dachte Esonga möchte bestimmt auch nach Hause gehen. Sie zeigt aber nach draussen wo es in Strömen regnete und sagte „vula“. Dieses Wort kenne ich bereits, es heisst Regen. Es war mir nicht recht, dass ich sie bei diesem Wetter nach Hause schicken wollte und ich spielte mit ihr weiter UNO, bis es aufhörte zu regnen. Sie ist intelligent und spielt für ihr Alter sehr gut. Es war komisch mit ihr alleine in der Wohnecke zu sitzen und zu spielen. Ich kann noch keine Sätze in Otetela um ein Gespräch zu führen und sie spricht vielleicht zehn Wörter Französisch. Unser Gespräch beschränkte sich also auf „a hola“ = nimm eine Karte auf, „ossa ahende“= nimm zwei Karten auf und „bu“= rien; keine passende Karte. Es war trotzdem schön mit meinem „Patenmädchen“ eine halbe Stunde alleine zu verbringen. Doudou hielt sich in ihrem Zimmer auf, ich war froh darüber. Sie ist recht vorlaut und tonangeberisch, führt sich unmöglich „Chef- mässig“ auf. Ich weiss nicht ob sie sich soviel einbildet, weil sie in „meinem Haus“ übernachten darf oder ob sie schon vorher als „Töchterli“ des Papa Chamboyi so war?!

Dessen, dass in nächster Zeit einige bei mir jammern kommen werden, sie hätten kein Geld für Schuluniform oder um die Kinder in die Schule zu schicken, bin ich mir bewusst. Ich werde ihnen sagen, dass ich die Patentante von Esonga bin und sie im Gegensatz zu ihnen nie jammerte… Es wird funktionieren, sie davon abzuhalten ein zweites Mal mit ihrem Gejammer zu mir zu kommen.

Der 17. Okt. 2005 ist also ein besonderer Tag für mich geworden und bestimmt auch für Esonga. Als es später zu regnen aufhörte, machte sich auch Esonga auf den Nachhauseweg. Sie war sehr dankbar und wusste nicht wie sie es zeigen soll. Sie sagte mehrmals „merci“. Ihr Lächeln war für mich eh der grösste Dank!

Dienstag 18. Oktober 2005; 13.00 Uhr

Ich verbrachte den ganzen Morgen im Garten, pflanzte die ersten Rüebli, Tomaten, Blumenkohl und säte zweite Erbsen, Rüebli, Gurken sowie zum ersten Mal Salat. Tomaten und Blumenkohl setzten ist ein Kinderspiel, im Gegensatz dazu die zwei Gemüse zuerst zu säen, zu pikieren und dann erst in den Garten zu setzen. Braucht ganz schön Fingerspitzengefühl damit man die Pflänzchen nicht verletzt. Komische Vorstellung… ich rechnete gerade aus, dass ich frühestens an Weihnachten das erste Gemüse werde essen können. Vom Säen bis zur Ernte dauert es durchschnittlich 8-20 Wochen, wobei die Bohnen am schnellsten und die Tomaten am langsamsten sind. Kommt mir ganz schön lange vor, anderseits wenn ich bedenke, dass ich mich in zehn Tagen bereits 3 Monate im Kongo befinden werde, ist es doch nicht so lang. Ich bleibe optimistisch; bald ist es Februar und ich werde nach Kenia in die Ferien fliegen…

Dienstag 18. Oktober 2005; 14.40 Uhr

Es sind merkwürdige Dinge im Gange. Esonga kam mich zusammen mit der kleinen July besuchen und ich wollte mit den beiden zu Mama Fatuma ins Magazin Schulkleider kaufen gehen. Unterwegs wurden wir vom Regen überrascht, Jean Takoy gewährte uns Unterschlupf in seinem Haus. Wir mussten zirka eine halbe Stunde warten bis der Regen vorbeigezogen war. Als ich Fatuma gefunden hatte, war sie erstaunt, dass ich nicht Bescheid wusste was geschehen war… He? Ich begriff einen Moment lang gar nichts… Niemand getraute sich recht, mir zu erklären was passiert war und ich begriff nicht wieso das Magazin für unbestimmte Zeit geschlossen bleiben soll. Zum Glück kam Papa Antoine vorbei. Auf dem Rückweg zur Direktion „meinem Haus“ berichtete er mir folgendes: „Als Mama Fatuma gestern von ihrem Feld zurückkehrte, öffnete sie wie gewohnt die Türe des Magazins mit dem Schlüssel, welcher immer in ihrem Besitz sei. Sie bemerkte sofort einen Gestank und fand darauf hin drei Scheisshaufen, welche nach der Aussage von Antoine von einem Mann stammen müsse. Mama Fatuma hat nun Angst und weil die Dorfbevölkerung nicht weiss was sie machen sollen, schlossen sie das Magazin“. Mein erster Gedanke war, dass sie wahrscheinlich erwarten, die Haufen verschwinden auf die gleiche mysteriöse Weise wie sie hinkamen. Nach dieser Erzählung ist mir der Vorfall natürlich auch ein Rätsel. Ich sagte Papa Antoine, sie müssten die Haufen entfernen, sonst wird danach alles im Magazin danach stinken. „Ja“ entgegnete er „aber niemand wolle sie anfassen!“

Ich glaube nach wie vor nicht an Geister, bin überzeugt, irgendjemand hat nicht ganz die Wahrheit erzählt…

Ansonsten kämpfe ich mit lebenden kleinen Geistern, Sonntagabend musste ich erst 40 Ameisen von den zwei restlichen Omeletten picken, bevor ich sie ass. Irgendwann werde ich die Ameisen wahrscheinlich mitessen, weil ich es satt haben werde sie überall heraus zu picken. Ich frage mich ernsthaft wie sie es immer schaffen so schnell ins Haus und über komplizierte Wege auf den Esstisch zu gelangen!?

Gestern erschrak ich unheimlich als ich im Badezimmer die Türe hinter mir zumachte. Ich hörte ein Rascheln und hurtig rannte eine sehr grosse Maus die Wandecke herunter, zehn Zentimeter vor meinen Zehen vorbei und versteckte sich hinter dem Wasser- Plastikfass. Dort musste sie warten, bis ich mit Duschen fertig war. Zum Glück habe ich keine Angst vor Mäusen…

Die schlimmsten Plaggeister sind die Mücken, die „derranger“ belästigen mich momentan heftig. Sie stechen durch die Socken und T-Shirt hindurch, bei mir entstehen immer riesige Buckel und es juckt fürchterlich. Letzthin hat mich Eine in die Fusssohle gestochen, einerseits reizt man automatisch beim gehen die Stelle, dass es juckt, anderseits kommt man nicht hin zum kratzen!

Sobald ich mich draussen befinde, landen Fliegen in sämtlichen Grössen auf meiner Haut. Weil es so heiss ist, sind sie viel flinker als „Schweizerfliegen“ und ich erwische nur die Kleinsten um sie tot zu schlagen. Ich kann mich also nicht gegen diese Viecher wehren… Über die nervigen Ziegen, Schafe und Schweine habe ich ja bereits berichtet. Seit der Zaun ums Haus steht, ist`s nun zum Glück nachts aus zu halten… Soviel also zum Kapitel „Tiere in Yanga“!

Mittwoch 19. Oktober 2005; 16.00 Uhr

Der heutige Mittwoch ist einer der interessantesten Tage hier in Yanga. Arbeitsmässig lief überhaupt nichts, weil endlich dieses „arolement“ stattfand. Alle mit und ab 18 marschierten zu früher Morgenstunde mit Kind und Kegel auf die Yanga Dorfseite um sich offiziell registrieren zu lassen. Weil die Arbeitsgruppe mit einem Laptop, Drucker und Generator nicht in alle Dörfer reist, müssen alle Leute aus den umliegenden Dörfer nach Yanga kommen. Es hatte viele Leute, die mich zum ersten Mal sahen, ich war DIE Attraktion. Zirka 200 Augen von Leuten, die einen Halbkreis bildeten, beobachteten mich. Ich fühlte mich nicht mehr wohl in meiner Haut, nahm July, welche mich schon lange gefunden hatte an die Hand und flüchtete. Den Arbeiter am PC fragte ich ob ich Fotos machen dürfe, ich wollte kein Risiko eingehen, schliesslich arbeiten sie für den Staat. Er erlaubte es mir und wurde sehr aufmerksam auf mich. Er suchte mehrmals das Gespräch und fragte was ich hier und in der Schweiz so mache. Sein Bruder wohnt seit 15 Jahren in Basel. Der PC- Arbeiter scheiterte schon zwei Mal beim Versuch ein Visum zu bekommen. Ich höre von allen Kongolesen das Gleiche: „la suisse est très compliquer!“ Wahrscheinlich lässt die Schweiz praktisch keine Kongolesen in die Schweiz. Sogar Abbé Nyeme muss immer sehr für ein Visum kämpfen. Papa Jean bat mich bald darauf, nicht mehr mit dem Herren zu sprechen, weil ich ihn von der Arbeit abhalte. Ich tat ihm den Gefallen. Später suchte mich der Staatsangestellte jedoch nochmals auf. Ich fand das Gespräch sehr interessant, die Zeit spielte mir keine Rolle mehr, weil der Arbeitstag für meine COYA- Arbeiter eh verloren war. Mit dem Programm auf dem Laptop und der integrierten Kamera machte er von jeder Person als er alle nötigen Daten erfasst hatte, ein Passfoto. Ausserdem nach er zwei Fingerabdrücke von beiden Zeigefingern. Als ich gesehen hatte wie es läuft, ging ich spontan mit Michel Toko dem Chauffeur die Primarschule Yanga besuchen. Sofort erkannte mich der neue Direktor und begrüsste mich herzlich. Zwei Stühle wurden herbei getragen. Ich stellte Fragen über Schulgelder, Uniformen, Unterrichtsformen, Unterrichtsfächer, Vorgaben von der Regierung usw. Ich interessiere mich sehr für die Kinder und die Schule. July lieferte ich gegen ihren Willen in der Schule ab. Ihre Mama Veronique hat mir gesagt sie könne nicht zur Schule, weil sie keine Uniform habe. Ich war enttäuscht vom Direktor zu erfahren, dass alle Kinder eine Frist bis Ende Oktober haben um eine Uniform zu besorgen und sah mit eigenen Augen, dass kein einziges Kind momentan eine Schuluniform trägt! Mama Veronique wollte also nur, dass ich der Kleinen eine Uniform kaufe, es ging ihr nicht um die Schule. Schade, ich werde ihr bei Gelegenheit die Meinung sagen. July schwänzte die Schule, es gibt keine Entschuldigung. Weil ich das Mädchen nicht wegen der Lüge seiner Mutter bestraffen will, werde ich ihm trotzdem eine Uniform kaufen. Jedoch nur wenn July in nächster Zeit, wie Esonga regelmässig den Unterricht besuchen geht. Ich besuchte jede Klasse, die Kinder mussten jedes Mal aufstehen und zusammen sagen: „Bonjour Mama Sabina“. Ich war beim ersten Mal recht verblüfft und kam mir vor wie in einem Dokumentarfilm über Afrika… Natürlich freute ich mich und erwiderte den Gruss. Alle zusammen sagten „merci“ und setzten sich wieder. In der zweiten Klasse lernten die Kinder Zahlen schreiben von 1- 9. Die Hälfte der Kinder lernte im Schulzimmer an der Wandtafel (schwarz angemalte Wand), die andere Hälfte befand sich auf dem Schulhof. Der zweite Lehrer der zweiten Klasse schrieb die Zahlen in den Sand und die Kinder übten sie ab zu schreiben. Wie bei den Schweizerkindern ist die Gefahr bei der Zahl 6 gross, dass der Haken auf die falsche Seite geschrieben wird.

In der 3. Klasse hatte sich ausnahmsweise die 4. Klasse auch ins gleiche Klassenzimmer gequetscht, weil der 4. Klass- Lehrer „absent“ war. Es sassen wahrscheinlich 10 Kinder auf einem Bank, welcher für maximal 5 Kinder gedacht wäre… Diese Kinder lernte das Verb Etre im Imperfekt konjugieren. Da hätte ich sogar noch etwas lernen können! Es bereitete den Kindern grosse Mühe, niemand konnte es richtig konjugieren. In der 5. Klasse waren die Schüler am Rechnen. In der ersten Klasse ebenfalls. Als July mich sah, streckte sie den Finger jedes Mal hoch auch wenn sie wahrscheinlich nicht die richtige Antwort gewusst hätte… Die 6. Klasse lernte mit dem Lehrer François französisch. In dieser Klasse kannte ich Marie sowie ein Sohn von Papa Otepa. Lange sind noch nicht all meine Fragen rund um die Schule beantwortet, ich werde sie noch mehrmals besuchen gehen. Zum Abschied schenkte mir die Schule ein Huhn, dies sei Tradition, dass man einem Besucher ein Geschenk macht. Ich grinste und bedankte mich. Mit Michel, welcher mein Huhn trug, machte ich mich auf den Heimweg. Den Besuch der Sekundarschule verschob ich auf einen unbestimmten Tag. Für heute hatte ich genug „Schule“ gesehen. Auf dem Heimweg fragte ich Michel ob ich das Huhn essen muss? „Ja“, entgegnete er „Oder ob ich es behalten dürfe um die Eier zu essen“, fragte ich weiter. „Ca va“ gab er zur Antwort. Der Weg um die Mittagszeit ist immer mörderisch unter der glühenden Sonne, sobald es „opsi“ geht! Zuhause musste Helene nur lachen, als Ich sie bat, meinem Huhn etwas zu fressen und trinken zu geben. Sie gab dem Huhn widerwillig einige Reiskörnchen und Wasser. Na ja wir Schweizer sind nicht gewöhnt genau das Tier vorher zu sehen, welches wir später essen.

Kaum Zuhause angekommen, kam der Abbé Ngenge von Yanga mit dem Motorrad angebraust. „Où est l`ordinateur, je veux apprendre l`ordinateur“ sagte er mit einer Selbstverständlichkeit. Ich konnte mir mein Lachen nicht ganz verkneifen, erklärte ihm jedoch sachlich, dass ich momentan nur mein eigener Laptop auf Deutsch bei mir habe, Die PCs befinden sich in Kananga zur Reparatur. Zuerst müsse ich mit Abbé Nyeme darüber sprechen wie es mit der Kooperative und somit auch mit den PCs weitergehen wird. Er begriff sehr schnell und sei bereit abzuwarten. Dann zählte er mir auf, was ihm in seinem Haus auf der Dorfseite alles fehle. Auch er hat das Gefühl ich könne sofort helfen und alles ändern. Ich sagte ihm, welche Möglichkeiten zur Verfügung stünden, was jedoch zur Realisierung fehle und dass ich vieles zuerst mit Abbé Nyeme besprechen müsse. Er solle mir von allen Problemen Notizen schreiben, fügte ich hinzu. Dies werde er machen, zufrieden ging er nach Hause. Danach ass ich „Curry- Bananen- Risotto à la Mama Sabina“ und begann mit den Aufräumarbeiten im Wohnzimmer von Jeans Haus. Neben vielen Silberfischli, angefressenen Zettel, einer Riesenspinne (mir blieb beinahe das Herz stehen) fand ich eine Memory- Spiel, zwei Freesbies und Botchia- Kugeln… dies sind freudige Funde. Während ich schrieb haben mich zwei Mücken trotz Antibrumm in die Füsse gestochen. Die Viecher schrecken vor nichts zurück, wenn es um mein süsses Blut geht. Eine musste mit dem Leben büssen!

A propos Spiele, da alle so Freude am Spielen haben, könnte ich andere Kartenspiele wie Memorys, schwarzer Peter usw. gut gebrauchen!?

Mittwoch 19. Oktober 2005; 19.50 Uhr

Heute Abend kam vor dem eindunkeln, wie angekündigt der Direktor Baudouin bei mir vorbei, begleitet durch einen „enseignant“ Lehrer Papa Narcisse. Sie wünschten Brillen und ich sagte sie sollen mir ins Depot- Kämmerchen folgen. Ich hatte keine Ahnung von Brillen, weil ich zum Glück gute Augen habe und mich noch nie damit befasste. Von Papa Baudouin lernte ich, dass die kleinen Zahlen auf den Brillengläsern deren Stärke angeben. „Aha, schon wieder etwas gelernt“, dachte ich und suchte Brillen in der Stärke 2.0 – 2.5 für die Herren. Wir wurden fündig und sie bedankten sich mehrmals. Ich gab die Brillen jeweils gratis, bis jetzt hat noch nie jemand etwas von einem Preis gesagt. Schliesslich wurden die Brillen von irgendwo her gespendet und im Depot nützen sie niemandem. Esonga schaute zu wie sich die Beiden eine Brille aussuchten und ich war froh wieder Übersetzer zur Seite zu haben. „Wieso sie heute nicht in der Schule war?“ wollte ich wissen. Sie musste in den Wald, Reis holen gehen. Als ich sagte, ihr nur eine Uniform zu kaufen, wenn sie jeden Tag zur Schule gehe, meinte sie, nur heute nicht zur Schule gegangen zu sein. Papa Baudouin sagte, er würde sich gut achten ob sie und auch die kleine July regelmässig zur Schule gingen, das finde ich super. Er übersetzte für mich ebenfalls, dass Esonga mir jeden Abend berichten soll was sie in der Schule gelernt habe. Erstens kann ich so kontrollieren, ob sie in der Schule war und zweitens nimmt es mich Wunder was sie während meiner Zeit in Yanga alles lernen wird.

Donnerstag 20. Oktober 2005; 19.30 Uhr

Zwei alte Fernseher, zwei alte Videorecorder, ein kleiner alter Plattenspieler, ein alter Radio, ein uralter Kassettenrecorder usw. waren mindestens zehn Jahre lang im Besitz von Mäusen und Spinnen. Kein Wunder, dass die Geräte nicht mehr laufen. Schade, nebst den Geräten fand ich nämlich zwei Kartons voller Videofilme. Anderseits frage ich mich wer diese Stromfresser nach Yanga schleppte. Was sollen wir nun mit dem Müll machen? Die Fernseher vergraben?

Zum zweiten Mal habe ich mit Jean Nyeme übers Phonie gefunkt. Ich habe immer extrem Mühe ihn zu verstehen, wegen dam Rauschen in der Leitung. Er reiste gestern nach Kinshasa, muss sich nochmals für die immer noch ausstehenden Löhne einsetzten. Danach reise er nach Kananga zurück, bevor er sich auf den Weg nach Yanga machen wird. Ich war richtig in der Annahme, dass es länger als eine Woche, welche letzten Dienstag vorüber war, dauern würde bis er zurückkommen wird.

Ich kaufte heute vier Schreiber für 200fc und zwölf Hefte für 1200fc, davon schenkte ich zwei Schreiber und sieben Hefter Esonga. Ich sagte ihr, sie solle auf alle ihren Namen schreiben und das Fach. Sie kann nicht einmal ihren Namen ohne Fehler schreiben, sie wird oft in der Schule gefehlt haben. Ich werde sehen ob sie clever genug sein wird, den Stoff aufzuholen.

Weil jetzt wieder ein Abbé in Yanga ist, wird nebst der Sonntagsmesse auf der Dorfseite, jeden Donnerstagabend eine Messe auf der Kooperativeseite stattfinden. Um 16. Uhr läutete Papa Joseph zum ersten Mal. Dann wissen alle Bescheid, dass die Messe stattfinden wird und habe zirka eine halbe Stunde Zeit sich für den Anlass bereit zu machen. Ein zweites Läuten signalisiert, dass die Messe in wenigen Minuten beginnen wird. Sie dauerte ewig, ich verstand wieder nur den kurzen Abschnitt, welcher Abbé Ngenge in Französisch predigte. Er taufte noch zwei alte Frauen, indem er ihnen mit Weihwasser je ein Kreuz auf die Stirn sowie unterhalb des Halses zeichnete und etwas Wasser über den Kopf lehrte. Diese Zeremonie zog die Messe in die Länge. Ich werde in Zukunft nicht mehr an der Messe am Donnerstagabend teilnehmen.

Freitag 21. Oktober 2005; 20.30 Uhr

Ich spielte gerade eine Runde UNO bei Kerzenlicht, weil Papa Shungu Papa Chamboyi nicht findet und dieser wieder einmal das Kabel entführte. Aha… wenn man vom Teufel schreibt, Chamboyi ist aufgetaucht, nun läuft der Generator. Der grössere Lärmpegel wird aber von der Herde Kinder verursacht, welche UNO und das „Fang mich“ spielen. Esonga ging heute das erste Mal mit den neuen Schulheften in die Schule und kam sie mir heute Abend zeigen. Sie gibt sich alle Mühe und vom Direktor Baudouin kriegt sie volle Unterstützung. Er hat mit ihr zusammen die Hefte richtig angeschrieben. Papa Baudouin will nur guten Eindruck bei mir schinden, solange damit Esonga geholfen ist, soll mir`s recht sein!

Mama Veronique kam kurz vor Arbeitsende mit July und Fabien bei mir vorbei um July`s Uniform an zu probieren. Ich war nicht ganz zufrieden, weil Papa Emil den Jupe eher zu klein als zu gross schneiderte. Als er die beiden Teile angepasst hatte, kam wie gerufen Papa Narcisse mit den Jupes und Hemden von der Schule. Als er July`s Jupe sah, sagte er, dass dieses Dunkelblau nicht akzeptiert werde, alle müssten ab Ende Oktober Himmelblaue Jupes tragen. Einerseits sind die Lehrer wählerisch in der Farbe, dass man keine Wahl hat und den Stoff, bzw. die Kleider der Schule abkaufen muss, anderseits haben sie nur noch eine kleine Grösse an Lager. Ich sagte Papa Narcisse was ich von dieser Organisation halte… dann gab ich ihm 2000fc um Stoff für je ein Jupe für July sowie Esonga und für ein Hemd für Esonga zu besorgen. Er müsse mir eine Quittung schreiben und solle ja den Stoff nicht vergessen!

Veronique hat das Gefühl, weil ich July die Uniform bezahle könne sie ruhig weiter bitten… ich sagte ihr, meinetwegen schenke ich July noch „sabatas“ aber sie müsse verstehen, dass ich kein Geld geben kann und will.

Arbeitsmässig bin ich überhaupt nicht zufrieden mit den Leuten der COYA, es ist zum Verzweifeln. Sobald ich nicht hinter ihnen stehe wird sozusagen nichts gemacht. Ich kann zwar die Präsenzzeit schärfer kontrollieren aber es ist unmöglich alle Arbeiten zu kontrollieren. Ich muss langsam beginnen klare Tagesziele zu setzen. Dies ist aber in bestimmten Bereichen nicht möglich oder ich kenne mich zuwenig gut aus um das Ziel sinnvoll zu setzen.

Um ein Beispiel zu nennen, welches mich heute fast zum verzweifeln brachte: Zirka sechs Leute aus der Schreinerei sollten heute an den Fussballtoren arbeiten. Weil das Fussballfeld auf der anderen Seite des Dorfes liegt, konnte ich sie nicht beobachten. Als ich um 14.15 Uhr einen Rundgang machte, hatten sie nur vier Pfosten aufgestellt. Auf der rechten Seite mussten sie sie nochmals ausgraben um die Latte anzunageln, auf der Linken stellten sie das Tor zirka fünf Meter aus der Mitte. Das sah ein Blinder von einem Kilometer Entfernung aber es brauchte meine Persönlichkeit um das Tor in die Mitte zu versetzen. Weil sie arbeiten mussten solange ich dort stand, blieb ich noch eine Weile. Es arbeitete jeweils einer, höchstens zwei, der Rest schaute zu… und komplizierter könnte man es nicht machen. Ich fragte wieso nicht einer das restliche benötigte Holz holen gehe? Es brauche niemanden, der nur zuschaue, fügte ich hinzu. „Es habe keine Restlatten mehr“ entgegnete schliesslich Papa Joseph… es ist mir völlig unverständlich wie man so arbeiten kann! Ich schaute Papa Jean an und fragte: „Sie sagen diesen Leuten, heute sollen sie die Fussballtore machen. Wie geht ihr vor? Was macht ihr als erstes?“ Seine Antwort war korrekt: „Alle Teile rüsten“. Ich fragte nicht weiter und sagte man könne doch nicht eine Arbeit beginnen und plötzlich an einer anderen Arbeit weiterfahren… so könne nicht gearbeitet werden!

Dann lief ich ihnen davon, konnte nicht länger zuschauen. Die Burschen werden mich nicht lieben, sobald die Schreinerei fertig ist. Dann müssen sie in die Hosen, weil ich klare Ziele setzen werde… ansonsten werden sie länger arbeiten müssen, ohne Überstundenentschädigung…

Samstag 22. Oktober 2005; 16.15 Uhr

Je vous accompagne chez votre champs“ „Ich begleite sie zu ihren Feldern“ sagte ich zu Mama Helene als sie sagte, sie wolle nach der offiziellen Funkzeit nach 15.00 Uhr zu ihrem Feld gehen. Ich dachte mir ihr Feld liege gleich um die Ecke hinter ihrem Haus. Ja bravo! Wir liefen los in Richtung Landepiste, wo weit und breit kein Wald zu sehen war. Mama Helene legte ein Tempo vor ich konnte nicht immer mithalten. Es gab nur einen schmalen Pfad, wir kämpften uns durch zwei Meter hohes Gras und der Regen frisst jedes Mal tiefere, misstrittgefährliche Löcher in den Boden. Ich musste mich echt auf den Weg konzentrieren um nicht zu stürzen. Wir überquerten die Landepiste und wie ich später merkte hatten wir noch lange nicht die Hälfte der Strecke hinter uns. Als wir den Wald erreichten, spürte ich meine Oberschenkel, meine Kondition ist echt lausig. Der Weg durch den Wald erwies sich als noch schwieriger über Baumstämme und stachelige Palmzweige. Mir kam es vor als schwebe Helene über die Hindernisse. Ich dachte „bald sind wir am Ziel“, leider war das erste Feld Papa Makatshis (Boniface), das zweite, riesige Feld Papa Jeans, dann überquerten wir das Feld eines Sohnes von Papa Jean und trafen beim nächsten Feld Mama Eugenie. Sie pflückte Reis. Ich sah zum ersten Mal Reis live! Die Pflanze ist unserem Weizen recht ähnlich in Form und Grösse. Das übernächste Feld war endlich unser Ziel. Diese „Felder“ sehen nicht aus wie Schweizer sich Felder gewöhnt sind. Reis, Mais, Maniok, „arachide“ Erdnüsse, Bananen- und Papayabäume werden kreuz und quer durcheinander gesät, auf dem zuerst abgeholzten und abgebrannten Waldboden. Mir brannten die Beine, weil Schweiss in die kleinen Kratzer von den Gras – und Reispflanzen gelangte. Ich liess mir nichts anmerken. Die ganze Zeit staunte ich, am meisten staunte ich zu sehen wie unsere „spanischen Nüssli“ wachsen. Es sind Sträucher welche die Nüsse unter der Erdoberfläche produzieren, ähnlich den Kartoffeln. Auf dem Rückweg fragte ich Helene über Felder und Pflanzen aus, lernte ein bisschen Otetela, so lief es sich wie von selbst.

Aiii… ich spüre bereits den Muskelkater *grins*. Nein es war ein herrliches interessantes Erlebnis. Schade, dass ich meine Augen während des Ausfluges nicht mit meinem Papi aus der Schweiz tauschen konnte. Für ihn wäre dieser noch viel interessanter gewesen als für mich. Schade kommt mich niemand von meiner Familie besuchen. Diese Friedlichkeit ist unbeschreiblich…

Ich geniesse es jeden Samstag wie heute alleine auf der Terrasse zu sitzen und meine Gedanken nieder zu schreiben. Der Lärmpegel von Grillen und Heuschrecken übertönt die Geräusche von diskutierenden Leuten und „Maniokgestampf“ aus der Ferne.

Samstag 22. Oktober 2005; 20.40 Uhr

„Tim und der Haifischsee“ ist gerade zu Ende. Es war der erste Film, welcher ich mir mit Hilfe meines Laptops anschaute seit ich im Kongo bin. Ein einfacher Kindertrickfilm…

Jean hat mir noch einige verschiedene Filme mitgebracht, so werde ich mir öfters samstags ein Kinoabend gönnen.

Der heutige Abend wird ganz ruhig weitergehen, ohne „Groupe“, UNO- Spiel und dem damit verbundenen Kindergeschrei. Ich geniesse den Abend für mich. Ok, momentan bin ich nicht alleine, eine freche junge kleine Maus hält sich in einem Meter Abstand auf dem Bett im Büro auf. Sie ist echt mutig. Bereits als ich auf dem Bett sass und den Film schaute huschte sie einige Zentimeter neben mir durch… ich kann nur noch einmal wiederholen, zum Glück habe ich keine Angst vor Mäusen!!

Sonntag 23. Oktober 2005, 19.15 Uhr

Für an einem Sonntag stand ich heute früh auf, bereits um 7.15 Uhr. Ich fühlte mich jedoch ausgeschlafen, weil ich früh ins Bett ging. Vor dem Messegang ging ich mein Gemüse im Garten giessen. Meine Pflanzen machen mir Sorgen. Die kleinen Tomaten werden von Insekten gefressen, eine Zucchetti gab heute den Geist auf obwohl sie schon gross war und eine Gurke war abgeknickt von Geisterhand!

Etwas frustriert machte ich mich mit Mama Helene und einigen Kindern auf den Weg in die Kirche. Wir gingen um 8.30 Uhr los, kamen um 9.10 Uhr an, für den Weg braucht man bei schnellem Gang also ca.40min. Die kleine July kam mit den neuen Kleidern zur Messe. Als die Predigt zu Ende war zog sie meine Basketballmütze über den Kopf und trug mein Kitchener, dies sah echt witzig aus. Sie war enttäuscht nicht wie letzten Sonntag mit mir mitkommen zu dürfen. Auf dem Rückweg trug ich ein zirka 2 ½ Monate altes Baby um Esonga zu entlasten. (Ich bin nicht gut im Babyalter schätzen). Die Babys von hier tragen keine Windeln und ich hoffte, dass es nicht ausgerechnet während dieser Zeit in die Hosen machen würde. Ausser ein wenig „Kötzlets“ auf dem Arm, blieb zum Glück alles trocken. Um 11.30 Uhr kamen wir Zuhause an, die Messe beansprucht also jeden Sonntag zirka 3 Stunden.

Ich stellte die Zutaten für die Omeletten bereit, weil Mama Helene irgendwo “umherhühnerte”. Während Mama Mbutshu die Zutaten zusammenmischte, versuchte ich mich in der Herstellung eines Puddings, für welchen mir Jean Vanille- und Schokoladepuddingpulver mitbrachte beim letzten Besuch.

„Huch, jetzt lief mir gerade die kleine freche Maus über die Füsse, bzw. Socken“. Die Tiere im Kongo haben keinen Respekt!

Der Schweizer misst ein Liter Milch ab, mixt zwei Beutel Puddingpulver dazu und lässt die Masse im Kühlschrank auskühlen. Weil man für die Herstellung von Pudding Milch benötigt, löste ich zuerst Milchpulver in angegebener Menge Wasser auf. Dann sollte ich 67Gramm Puddingpulver in einem halben Glas „Milch“ auflösen. „Wie bitte schön messe ich ohne Waage und Messbecher 67Gramm ab?“ fragte ich mich. Handgelenk mal Pi mass ich Pulver ins Glas und Zucker in die Pfanne zur restlichen Milch ab. Zwischendurch kämpfte Mama Helene mit Riesenameisen, welche sich in der stinkenden Vorratskammer hinter den Zuckervorrat machten. Als Mama Mbutshu mit den Omeletten fertig war, übergab ich die restliche Arbeit für den Pudding: Die Milch mit dem Zucker aufkochen, Glas mit Milch- Vanillegemisch unter ständigem Rühren hinzufügen und die Masse eine Minute weiterkochen lassen. Ich war erstaunt zu hören, dass Mama Mbutshu „Pudding“ bereits von der Schwester Sylvie her kannte, welche vor x- Jahren hier war?! Abgesehen davon, dass ich zuviel Vanillepulver nahm und die Masse deshalb zu dick und mastig wurde, schmeckt der Pudding lecker.

Nach dem wie immer feinen Sonntagsmenu, setzte ich mich an den Schreibtisch. In letzter Zeit habe ich nicht viel über die Arbeit geschrieben. Ich ärgerte mich zusehends mehr über die Arbeitsweise und die „schittere“ Tagesplanung. Gestern gaben die Leute von den Sektoren Schreinerei und Sägerei den Anlass sofort eine neue Organisation auf die Beine zu stellen. Weil den Schreinern und Säger die Lianen ausgingen, schlugen sie die 1 ½ Stunden bis zum Mittag mit warten tot. Ausnahmsweise machte ich zwei Kontrollrundgänge und erwischte sie unverhofft. Ich zeichnete heute eine längerfristige 3- Monatsplanungs- und eine Wochenplanungstabelle. Um 14.00 Uhr war ich mit Chef, Sekretär und Buchhalter der COYA verabredet. Um 15.00 Uhr trafen sie „schon“ ein. Wir zügelten in die Wohnstube um nicht vom „Phonielärm“ gestört zu werden und ich präsentierte den drei Papas sowie Mama Helene meine Variante der neuen Planung und Organisation. Sie, Papa Dominique mit offenem Mund und Papa Philippe das Kinn auf eine Hand abgestützt, hörten aufmerksam zu und waren sichtlich begeistert. Mit dieser Planung werden sich die meisten „Materialprobleme“ lösen und die Arbeiter können optimal eingeteilt werden. Weil diese längerfristige Planung bis Ende Januar nicht innerhalb von ein paar Minuten gemacht werden kann und alle Verantwortlichen daran teilnehmen müssen, haben wir uns auf das morgige Programm beschränkt und für 12.30 Uhr eine Sitzung eingeplant mit allen Sektorverantwortlichen. Ich will mit der längerfristigen Planung beginnen und die Wochenplanung mit ihnen gemeinsam erstellen.

Ausserdem werde ich morgen mit Papa Jean die Balkenkonstruktion 1:1 in den Sand zeichnen und bereits ein Musterstück anfertigen. Ich kam mit dieser Idee und Jean sagte sofort, sie hätten es immer so gemacht. Finde ich super, dass wir meistens die gleichen Ideen haben, so können wir sehr gut zusammen arbeiten. Das Magazin muss ebenfalls neu organisiert werden. Viele Dinge sollten unbedingt in Yanga zum Kauf angeboten werden, damit die Leute nicht nach Tshumbe reisen müssen. Dieses Projekt werde ich mit Mama Fatuma und Mama Helene als Übersetzerin angehen. Jetzt geht’s richtig los mit der Arbeit! Ich freue mich, die Organisation ist interessant und lehrreich auch für mich selbst. Die Leute werden einerseits von mir unterstützt, anderseits sind sie eine Art Versuchskaninchen. Zum Glück passiert ihnen aber dabei nichts *grins*. Ich habe die Möglichkeit mein ganzes „Planung- Führung- und Organisationswissen“, welches ich während der Weiterbildung zum AVOR erlangte anzuwenden.

Brrr…heute Abend fror ich zum ersten Mal richtig, so mit kalten Füssen und so…

Schuld sind die zwei Herren vom „enrôlement“, welche mich nach der Sitzung besuchten und der Regen. Die Zwei kamen zirka um 16.15 Uhr und blieben bis zum eindunkeln auf der Terrasse der Direktion, weil sie vom lang anhaltenden Regen blockiert wurden, auf die andere Seite zurück zu kehren. Papa Shungu kümmerte sich nicht um das Fass hinter dem Haus und ich musste es wohl oder übel selber an den richtigen Platz stellen um Regenwasser zu gewinnen. Dabei wurde ich Pudelnass. Weil ich nur schnell das T-Shirt wechselte und mich danach so lange Zeit mit den zwei Herren unterhielt, fror es mich trotz einer Temperatur von 24°C.

Ich habe mich bereits sehr an das Klima gewöhnt, die allabendliche kalte Dusche, welche ich am Anfang genoss, kommt mir immer kälter vor…

Mittwoch 26. Oktober 2005, 10.00 Uhr

Zum Berichte- schreiben finde ich kaum noch Zeit, die neue Organisation, das Suchen und Überwachen der Arbeiten nimmt alle Zeit in Anspruch. Momentan hoffe ich darauf mit Jean übers Phonie kommunizieren zu können. Seit fast einer Woche gelang es uns nicht mit Kinshasa Kontakt aufzunehmen. Ich habe einige Fragen an Jean Nyeme und möchte wissen wann er nach Yanga reisen wird.

Papa Jean wird sich heute mit dem Salz und „escense“ beladenen Camion auf den Weg nach Tshumbe machen um die Waren gegen „mazout“ umzutauschen. Es ist höchste Zeit, uns wird heute die Arbeit ausgehen und wir brauchen in fast allen Sektoren Benzin. Die Schreiner sind motiviert und arbeiten effizient an der Dachkonstruktion, schade wird diese Arbeit unterbrochen werden.

Mittwoch 26. Oktober 2005, 17.50 Uhr

Papa Shungu muss für mich eine Leiter holen. Ich spielte Volleyball mit der Wand und schon blieb der Ball auf dem Unterdach…

Natürlich hatten sich vorher eine Menge neugieriger Kinder ringsum verteilt und ich machte mit ihnen Volleylektion Nr. 1 „erste Manschettenversuche und Handhabung“. Ich staune wie schnell die Kinder hier etwas Neues lernen, sofort entdeckte ich einige Talente. Heute Morgen räumte ich weiter das Chaosregal in einem der Zimmer von Jeans Haus auf. Das jüngste Buch oder Heft stammt aus dem Jahr 1995… weiter brauche ich nichts über das Ausmass der Verwüstung durch Mäuse zu schreiben…

Mama Helene kauft jedes Mal einige Kilos Bananen für mich alleine und wundert sich jeweils weshalb sie kaputt gehen. Ausserdem glaubt sie mir nicht, dass Bananen nicht im Kühlschrank aufbewahrt werden können, ich werde es ihr demonstrieren. Gestern und heute gab es Bananen zum zMittag und Bananen zum zNacht. Zum Glück ist mir nichts bekannt über eine existierende Bananenvergiftung, ansonsten wäre ich extrem gefährdet.

Bis die Leute das Camion beladen hatten war es bereits 11.30 Uhr als sie losfuhren. Die Leute der Schreinerei sind mit acht der vierzehn Dreieckkonstruktionen fertig geworden, dann ging ihnen das Holz aus. Weil die Camioncrew frühestens morgen Abend zurückkommen wird, muss ich mir Arbeit für die Schreiner ausdenken…

Mittwoch 26. Oktober 2005, 20.50 Uhr

Ich hörte eine laute Auseinandersetzung und wollte den Kindern eigentlich die Karten wegnehmen gehen. Als ich zur Türe raus kam, sah ich, dass niemand mehr spielte und eine Prügelei im Gange war. Mama Helene versuchte bereits die Jungs und Mädchen auseinander zu reissen. Esonga kam schliesslich völlig aufgelöst und zitternd auf die Terrasse zu mir und ich fragte Papa Shungu was los sei. Er habe keine Ahnung, weil er einen Rundgang ums Haus machte. Ich rief Mama Helene und nahm sie und Esonga ins Wohnzimmer, während draussen lautstark weiterdiskutiert wurde. Esonga schüttelte es immer noch beim sprechen und sie erzählte in otetela… ich verstand leider kein Wort. Mama Helene erklärte mir, die Familie von Doudou habe Esonga provoziert, sie könne nicht lesen. Ist das ein Grund sie zu schlagen? Alle gegen ein Mädchen…

Ich schickte Doudou zu sich nach Hause um dort die Nacht zu verbringen. Sie wollte sich rausreden und bat um Entschuldigung. Es mischten sich ältere Jungs ein und setzten sich für Doudou ein, es sei eine Gewohnheit den kleineren Brüdern zu helfen ein Mädchen zu schlagen… tz tz! Ich sagte es sei eine Angelegenheit zwischen Doudou und mir, sie sollen sich raushalten. Doudou schläft heute Zuhause und morgen werden wir reden. Das heisst morgen steht mir ein schwieriges Gespräch mit Papa Chamboyi, Doudou`s Vater bevor… juhuii!!

Donnerstag 27. Oktober 2005, 13.15 Uhr

Das Wetter ist trübe heute wie die Gemüter der Einwohner. Weil es wie aus Kübeln regnet, sind alle Arbeiter blockiert, selbst Papa Philippe und Papa Dominique schaffen es nicht bis zur Direktion um gemeinsam an der längerfristigen Planung weiter zu arbeiten. Ich will dass die beiden dabei sind, weil sie ab Februar selber werden planen müssen… Ich traue es ihnen ehrlich gesagt nicht zu. Weil Jean Takoy mit dem Camion in Tshumbe festgehalten wird, weil sich der zu tauschende Diesel noch in Lodja befindet (typisch, wie kann man so unfähig sein??) haben Philippe und Dominique das Gefühl wir können nicht planen. Sie haben Angst etwas zu sagen ohne das Einverständnis von Jean Takoy. „Wie ist es möglich den Leuten hier beizubringen Verantwortung zu übernehmen?“ frage ich mich ernsthaft.

Esonga war gerade auf dem Nachhauseweg mitten im Regen als ich sie erblickte. Ich sagte ihr, sie solle doch „a Schärme“ kommen. Sie verschränkte die Arme, weil sie wie alle bei 23°C ziemlich friert. Ich schenkte ihr einen Pulli, den ich sowieso das ganze Jahr über nie brauchen werde. Esonga hat ihn jetzt bereits nötig, nicht erst in einem halben Jahr wenn ich nach Hause fliegen werde… vorher hatte Esonga nur ein völlig zerfetzter Rock, welcher sie ab und zu mit dem Jupe und Shirt in ebenso schlechtem Zustand ihrer Schwester austauschte. Ebenfalls schenkte ich ihr spontan einen Kübel voll frisch gesammeltem Regenwasser und eine Banane zu Essen. Die Umsetzung meiner Idee, dass Esonga zur Schule gehen und später ein Studium absolvieren soll, wird Probleme geben. Sie weiss kaum etwas mit Buchstaben anzufangen…

Donnerstag 27. Oktober 2005, 18.00 Uhr

Heute ist mein Visum abgelaufen… das habe ich total vergessen. Jean war kurz am Phonie und hat mir gesagt mein Pass auf schnellstem Weg nach Kinshasa zu senden. Papa Toko musste also das Motorrad satteln und mit Pass plus kaputten Lagers des Traktors nach Tshumbe reisen. Abbé Daniel wird mein Pass morgen nach Lodja transportieren und am Sonntag via Flugzeug nach Kinshasa fliegen. Mir war nicht wohl dabei, mein Passport aus den Händen zu geben aber ich habe keine Wahl…

Hoffentlich verliert ihn niemand und hoffentlich gibt es keine Probleme weil er heute ablief!

Krisensitzung mit Familie Chamboyi und Familie Esonga vorüber – Familie Chamboyi stinksauer. Eigentlich habe ich nichts anderes erwartet, trotzdem war meine Entscheidung Doudou nicht mehr bei mir übernachten zu lassen vielleicht nicht ganz richtig. Die Gründe für meine Zweifel kamen jedoch erst zum Vorschein als mein Urteil bereits gefällt war. Doudou`s Mutter äusserte bevor sie sich wütend mit Doudou auf den Heimweg machte, dass diese sich meinetwegen dieses Jahr noch nicht in Lodja am studieren befinde, weil Abbé Nyeme sie darum bat bei mir zu bleiben. Leider wusste ich dies nicht und das tut mir natürlich leid.

Anderseits will ich nicht mit einem verwöhnten Mädchen zusammenleben, welches das Gefühl hat es könne andere auszählen, weil sie nicht lesen können. Viel lieber unterstütze ich Esonga, welche es sehr nötig hat. Vielleicht wird sie später bei mir einziehen, zuerst muss ich jedoch mit Jean sprechen um ihn nicht zu hintergehen. Es gibt so vieles mit ihm zu besprechen, er wird jedoch weiterhin in Kinshasa gebraucht. Das kann also noch eine Weile dauern bis er in Yanga ankommen wird.

Ich versuche soviel wie möglich zu erledigen und selber zu entscheiden, bevor er zu uns reisen wird, um ihm ein perfektes Programm, eine komplette Bestellliste für die Schiffsfracht sowie wichtige Fragen für die nächsten Monate vorzulegen. Falls dies mit dem Diesel nächstens klappt, können wir Jean Nyeme vielleicht eine fertige Schreinerei präsentieren, wer weiss??

Freitag 28. Oktober 2005, 9.30 Uhr

5 Leute sitzen in Tshumbe fest und warten auf zwei oder drei Fässer Diesel, welche von Lodja geliefert werden sollen. Ich kann es kaum glauben aber sie werden von mir aus gesehen vielleicht noch eine Woche in Tshumbe warten.

Weil die Leute der Holzverarbeitung wegen des mangelnden Diesels in der Produktion des Daches für die Schreinerei blockiert sind, müssen sie für mich Regale bauen. Ich zeichnete gestern einen genauen Plan, erklärte ihn Papa Onokoko und fragte ob er alles verstanden habe. „Oui“ sagte er und falls er Fragen habe, komme er zu mir. Zirka um 14.00 Uhr sagte er ich solle schauen kommen, sie seien fertig. Ich traute meinen Augen kaum. Stolz präsentierten sie mir das unförmigste und schrägste Regal, welches ich je gesehen hatte. Papa Onokoko legte den Plan von Anfang an zur Seite und sie schreinerten nach Lust und Laune. Kein Mass entsprach dem Plan und dass es in der Höhe zur Türe herein passte war reines Glück. Natürlich habe ich wegen der fehlenden Mittel kein perfektes Regal erwartet aber, dass die Jungs keine Ahnung haben, verschlug mir die Sprache. Heute machen sie das schittere Ding fertig und danach werde ich ihnen von A bis Z zeigen müssen wie man bei einem Möbel vorgeht. Ich muss an all die Einführungskursleiter in der Schweiz denken. Sie brauchen viel Geduld und Nerven beim Ausbilden der Schreinerlehrlinge. Im Gegensatz zu ihnen habe ich kaum Mittel zur Verfügung ihnen das Handwerk bei zu bringen. Hier ist sich niemand gewohnt aus Büchern zu lernen. Es bringt also nichts den Leuten Blätter mit einem optimalen aufgezeichneten Arbeitsablauf zu verteilen, es würde sie keiner lesen. Nebst dem Problem, dass sie schlecht lesen können, verstehen sie kaum Französisch. Es bleibt also nur die Variante alles vor zu zeigen…

Die Schreiner werde ich noch eine Weile mit dem Bau von Regalen beschäftigen können aber auch für diese Arbeit wird uns bald das Holz ausgehen. Alle anderen arbeiten für das Maniokhaus, ein Haus aus Ästen mit Wellblech gedeckt um den Maniok trocknen zu lassen. Ich bin gespannt wie das funktionieren wird…

Samstag 29. Oktober 2005, 10.00 Uhr

Die heute angesagte Sitzung habe ich verschoben, weil die Arbeiter mit dem Camion sich immer noch in Tshumbe befinden. Es ist wichtig, dass alle präsent sind, deshalb warte ich bis sie endlich mit dem lang ersehnten Diesel zurückkehren. Die schlechte Organisation von Tshumbe hat unsere ganze Planung bereits in der ersten Woche durcheinander gebracht.

Gestern Nachmittag begann es völlig auszuarten. Papa Dominique, der Sekretär war besoffen und nicht mehr fähig Appell zu machen. Ich habe ihn „absent“ abwesend geschrieben. Ausserdem haben die Leute von Djimbi und Garage schlecht gearbeitet, sie machten fast den ganzen Nachmittag Pause. Als ich mit ihnen schimpfte, entgegneten sie, dass die Arbeit für heute fertig sei… das ist eine Frechheit. Ich weiss nicht ob sie die Situation ausnützen, weil Jean nicht da ist oder ob sie mich nicht ernst nehmen. Nächsten Monat wird sich das sofort ändern, ich werde andere Saiten aufziehen. Alkoholkonsum und Nichtrespektieren der Arbeitszeiten werden bestraft werden! Bei Alkoholkonsum werde ich den aktuellen Tag für alle Arbeiter vom betroffenen Sektor abwesend schreiben, so muss es sich der Übeltäter gut überlegen ob er Ärger mit seinem Team will oder nicht!? Die Appellliste wird nächsten Monat von mir geführt und die Lohnabrechnungen werde ich streng kontrollieren. Ich habe ihnen drei Wochen lang die Chance gegeben sich zu verbessern, nun haben sie den Suppe zum überlaufen gebracht… (oder so…)

Samstag 29. Oktober 2005, 21.00 Uhr

Gegen die anstrengende Woche wurde ich heute mit einem schönen Abend belohnt. Erstens kam Louise, Tochter von Papa Dominique und Mama Angelique heute von Tshumbe nach Yanga zu Besuch und wird vielleicht zwei Wochen bleiben. Zweitens machte heute das Spielen Spass, weil ohne die Kinder von Papa Chamboyi niemand herum schreite. Es war ruhig und angenehm. Louise spielte auch gleich mit beim UNO- Spiel und danach spielten wir zum ersten Mal Memory, welches ich beim Aufräumen fand. Seit heute bereue ich es definitiv nicht mehr Doudou nach Hause geschickt zu haben. Wenn ich nicht alleine sein will, brauche ich nur mit einem Ball oder den Karten das Haus zu verlassen. Danach reicht es mir kaum auf zehn zu zählen, schon stehen die ersten kleinen oder „grossen“ Kinder bereit. Morgen ist keine Predigt, ich werde ausschlafen können. Heute Nachmittag nahm ich zum ersten Mal seit meiner Einreise die Wasserfarben aus dem Regal und liess meine kreative Seite walten.

Montag 31. Oktober 2005, 11.30 Uhr

Die Pflanzen in meinem Garten, welche so prächtig gediehen, werden langsam zum grossen Frust. Die Zucchettis, welche bereits grosse schöne Pflanzen bildeten, werden gelb und sterben eine um die andere ab. Die Gurken werden von den Insekten gefressen. Viele Erbsen und Bohnen, welche gut wuchsen hat Papa Boniface durch hinzufügen von zu viel Dünger verbrannt, es ist ein Jammer!

Papa Dominique und Papa Philippe kamen heute Morgen unvorbereitet zur Arbeit. Ich habe nichts anderes erwartet und wieder einmal ihre Arbeit übernommen, indem ich gestern Abend bereits die Arbeiten für heute verteilte. Papa Chamboyi und Papa Otepa montieren das Solarpaneel fürs Phonie platzierten mein Solarpaneel um. Als sie es vor einem Monat montierten, hat niemand geschaut wo eigentlich die Sonne auf- bzw. untergeht. Ich wusste damals noch nicht, dass ich mich um alles selber kümmern muss, wenn ich ein gutes Resultat erzielen will und sie montierten es in die falsche Richtung. Papa Onokoko arbeitet mit der Gruppe Djimbi am Maniokhaus weiter. Die Leute von der Garage müssen mit den Leuten von „Agriculture“ auf den Feldern arbeiten. Weil ich befürchte, dass sich viele von der Arbeit drücken wollen, werde ich nach dem Mittag die Arbeiten auf dem Maniokfeld kontrollieren gehen.

Montag 31. Oktober 2005, 15.20 Uhr

Die Kontrolle auf dem Feld und die Arbeitssituation danach waren wie ein Schlag ins Gesicht! Hin und Rückweg betrugen gut eine Stunde. Auf dem Feld angekommen, war kein Mensch mehr bei der Arbeit. Als Mama Helene und ich zurückkehrten traf ich Papa Antoine und Papa Léonard, den Laboranten, gemütlich vor einer Hütte sitzen. Schweissgebadet und den ersten grösseren Sonnenbrand aufgelesen kam ich Zuhause an. Ich fragte Papa André, Chef Sägerei, welcher Arbeit sie nach dem Beenden der Regale in Angriff genommen haben. Grinsend antwortete er mir: „Nous avons vous attendre“ „Wir haben auf sie gewartet“. Ich fand dies gar nicht zum grinsen und sagte, dass sie Ärger kriegen werden. Sämtlichen Leuten der Gruppen Gesundheit, Holzbau und Garage strich ich beim Appell einen halben Arbeitstag. Die meisten reagierten wieder mit einem Grinsen oder Lachen. Es wird ihnen verleiden, wenn sie nächsten Monat einen ungewöhnlich kleinen Lohn ausbezahlt bekommen werden. Gleich werde ich mit Jean Nyeme per Phonie sprechen können, ich will endlich wissen, wann er nach Yanga reisen wird.

Dienstag 1. November 2005, 10.40 Uhr

Ich bin frustriert, frustriert und frustriert. Es macht mich kaputt, dass Papa Boniface meinen Pflanzen Dünger zufügte ohne eine Ahnung von der Menge zu haben. Die Erbsen hat er alle abgebrannt und ebenfalls um die Bohnen, Sonnenblumen und die restlichen Gurken habe ich grosse Angst. Ausserdem teilte mir Jean Nyeme gestern per Phonie mit, dass er nochmals nach Kinshasa und nicht vor dem 15. November nach Yanga reisen wird. Ich muss also noch einmal lange auf meine E- Mails aus der Schweiz warten… Weil ich nicht warten will, beschloss ich gestern Abend bevor ich einschlief, in nächster Zeit nach Tshumbe zu reisen um die E- Mails abzurufen und meine Geschriebenen zu senden. Ebenfalls per Phonie teilte mir Aimé aus Tshumbe heute mit, dass das Internet immer noch „en panne“ defekt sei. Sie wollen es nächste Woche reparieren… Klar nächste Woche! Das heisst sie reparieren die Panne vielleicht in einem Monat oder so.

Gestern kamen Papa Jean, plus vier andere Arbeiter aus Tshumbe zurück, mit nur 1 ½ Fässer Diesel. Das wird nicht lange reichen und bald stehen wir wieder vor dem gleichen Problem!

Dienstag 1. November 2005, 21.00 Uhr

Es fällt mir schwer mich zum Französisch lernen zu motivieren, obwohl ich es mir immer wieder vornehme. Heute setzte ich mich tatsächlich hinter meinen Lernkrimi. Genau gesagt startete ich zwei Mal den Versuch zu lernen. Kurz vor dem Eindunkeln setzte ich mich mit dem Lernmaterial draussen an den Tisch. Keine zwei Wörter konnte ich nachschlagen, bevor ich Besuch bekam. Auch hier wird die Suppe nicht so heiss gegessen wie sie gekocht wird, es war nämlich Doudou, welche mich zum ersten Mal nachdem ich sie rausschmiss besuchte. Ich bin froh, dass langsam Gras über die Sache wächst und fragte sie gleich morgen Fussball spielen zu gehen. „Oui“ war die Antwort. Das Feld ist parat… ich bin gespannt!

Nachdem Doudou ging schloss ich die Türen, zog die Vorhänge und beschloss nächstens ins Bett zu gehen. Drinnen startete ich nochmals den Versuch einige Franzwörter zu lernen, kam jedoch nicht viel weiter als beim ersten Versuch. Es klopfte an der Tür. Esonga kam vorbei, obwohl wir fast nicht kommunizieren können ging ich zu ihr raus. Schliesslich freute ich mich über ihren Besuch und wollte ihr die Türe nicht gleich wider vor der Nase zuschliessen. Der Himmel ist klar, deshalb sind viele Sterne zu sehen. „Yooto“ sagte ich und war selber erstaunt, dass mir das richtige Wort in Otetela für Stern in den Sinn kam. Wir sprachen also in Otetela, Französisch und hauptsächlich mit Händen und Füssen über Sonne, Mond und Sterne. Wenig später kamen Jean- Paul, Jerome und Alphonse vorbei. Wir führten ein interessantes Gespräch über Schule, Studium und Arbeit. Ich fragte sie weshalb so wenig Junge für die COYA arbeiten. „Es gibt keine fähigen Leute um uns auszubilden“. Mit dieser Antwort haben sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie seien sofort bereit für die Kooperative zu arbeiten, wenn ich sie ausbilden wolle…

Die Projekte wachsen mir langsam aber sicher über den Kopf. Es gibt so viele wichtige Dinge zu verbessern oder zu ändern, mir wird die Zeit davon laufen. Wirklich schade, habe ich fast drei Monate Zeit in Yanga verloren, nur weil die Leute ihren Arsch vor unserer Ankunft nicht bewegten und deshalb die Schreinerei noch nicht wieder aufgebaut ist. Nach dem Gespräch mit den Jungs, wollte ich definitiv ins Bett gehen, da hörte ich Papa Jeans Stimme. Bald klopfte es erneut. Esonga hatte Papa Jean geholt, weil sie nicht alles verstanden hab, was ich ihr versuchte zu erklären. In der Zeit als Jean in Tshumbe war, erfuhr ich welchen Druck Tag für Tag auf ihm lastet… Er ist der Einige, welcher fähig ist planerisch zu denken, dass ist echt hart. Er kommt gerne zu mir, nur um zu reden: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ und ich bin auch nicht unglücklich darüber mich austauschen zu können. Die Situation in Yanga ist verflixt und ich darf mir die Probleme nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Ich hatte noch gar keine Zeit über Louise, die Nähmaschinen und die schlechte Arbeitsmoral der Lehrer in der Schulen Yangas zu berichten… Morgen vielleicht! Ich verspreche überhaupt nichts, es hat hier mehr als genug Versprechen, welche nicht gehalten werden!

Mittwoch 2. November 2005, 9.30 Uhr

Happy birthday to you Nadia!! Alles Gute zum 25. Geburtstag…

Die Kooperative hat ein ernsthaftes Problem mit dem Sekretär. Heute Morgen kam er tatsächlich bereits besoffen zur Arbeit. Ich schrieb ihn abwesend und schickte ihn nach Hause. Das ist traurig mit Papa Dominique, er braucht das Geld für Alkohol und seine Kinder bekommen kein Geld um Schule und Studium zu bezahlen. Es gibt bereits zwei Kinder aus seiner Familie, welche ich unterstütze; July ist sein Grosskind und Louise ist seine Tochter. Er wäre fähig seine Kinder zu fördern, mit seinem verhältnismässig hohen Lohn. Dies ist eine reine Frage der Organisation das Geld richtig einzuteilen und kein Alkohol mehr zu kaufen. Das ist leichter gesagt als getan… das Problem mit Drogen existiert bekanntlich weltweit!

Mittwoch 2. November 2005, 15.45 Uhr

…das sind vielleicht wieder überraschende Neuigkeiten! Jean Abbé Nyeme wird morgen nach Tshumbe und zurück reisen. Weil er keine Zeit hat nach Yanga zu kommen, werde ich mit Papa Michel Toko per Motorrad nach Tshumbe fahren um Jean zu treffen…

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